23. Wenn weniger mehr ist
Nachdem der Start in den Alltag geglückt war, hatte ich tausend Ideen, ihn zu gestalten. Ich wollte in die Ferien fahren, eine Genesungs-Party schmeissen, arbeiten, ausgehen, Sport treiben und, nicht zuletzt, Selbstfürsorge praktizieren. All diese Dinge ging ich mit gleichem Aktivismus und Tatendrang an. Ich buchte einen Flug nach England, verwandelte die Party-Pläne mit Beni in eine Art freie Hochzeit und startete mit dem Location-Scouting, kommunizierte fixe Arbeitszeiten, besuchte eine Vernissage, nahm das Tanzen wieder auf und meldete mich für einen Yoga & Ayurveda Retreat an.
Nun hätte nachhaltige Selbstfürsorge vermutlich darin bestanden, alle anderen Pläne von Ferien über Arbeit bis hin zur Freizeitgestaltung sorgfältiger aufeinander abzustimmen und an meine Energiereserven anzupassen. Es hätte bedeutet, auf meinen Körper zu hören und die relativ schnell wieder einsetzende Erschöpfung frühzeitig wahrzunehmen. Doch nach Monaten der Krankheit hätte sich das wie erneuter Verzicht angefühlt.
Ich wollte endlich wieder alles und das sofort.
Es ist also nur logisch, dass ich damals auch Selbstfürsorge lieber als weiteres To-do auf die Liste schrieb. Wenn die symbolische Waagschale der Aufgaben und Belastungen zu schwer wird, kippt man halt mehr in die gegenüberliegende Schale der aktiven Erholung, ist ja klar. Ein Hobby pro Arbeitstag und eine Atemübung pro Nebenwirkung. Wenn’s doch so einfach wäre.
Dennoch; mindestens kurzfristig tat mir das Wochenende in den Bergen wahnsinnig gut. Seit meiner Diagnose und besonders beim Aufbau meines neuen Alltags war ich oft unruhig und rastlos, gleichzeitig aber auch erschöpft und träge. Da traf der Retreat zum Thema Balance einen Nerv. Dieser erstmalige Kontakt mit Ayurveda, der traditionellen indischen Lebenswissenschaft, ermöglichte mir eine heilsame und lehrreiche Selbstreflexion.
In der Ruhe der Natur und mit Fokus auf die Elemente wurde mir bewusst, welche Eigenschaften ich in letzter Zeit an mir vermisst hatte. Durchgeschüttelt vom windigen, stürmischen Aufruhr der Krankheit fehlten mir mein Feuer und mein natürlicher Fluss. Die Ruhe, die ich mir während der Krankschreibung gönnte, konnte diesen Mangel nicht ausgleichen. Sie war eine Zeit lang hilfreich, als sie mich erdete und nährte. Doch nun machte sie mich zunehmend lethargisch und raubte mir mehr Energie als dass sie mir gab. An dieser Erkenntnis konnte ich ansetzen.
Aus der Spiritualität ins Weltliche übersetzt, bedeutete dies mehr Wärme, mehr Kontakt zu Natur und Erde, mehr Bewegung und mehr feste Rituale. Entsprechend gab’s für mich nach diesem Retreat kein morgendliches Fernsehen mehr, sondern Atemübungen im noch stockdunklen Garten, Yoga und Meditation zum Sonnenaufgang, warme Mahlzeiten, und einen Termin beim ayurvedischen Ernährungsberater.
Das alles waren Schritte in die richtige Richtung, die mich schon nach kurzer Zeit fitter und energetischer machten. Gleichzeitig war mir selbst gar nicht bewusst, wie gross der Nachholbedarf wirklich war. Erst jetzt, wo ich mir wieder mehr abverlangte, merkte ich, dass ich nicht nur aus einem körperlichen, sondern auch aus einem kognitiven Tief startete. Und dieses konnte nicht in wenigen Tagen ausgeglichen werden.
Mein Gedächtnis und meine Konzentrationsfähigkeit hatten unter der Behandlung gelitten, was sich sowohl bei der Arbeit als auch beim Tanzen bemerkbar machte und mich schnell frustrierte. Je öfter ich jedoch an die Grenzen meiner Kondition und Kognition stiess, desto strenger wurde ich mit mir selbst. Ich war nicht bereit, diese unvorhergesehene Einschränkung zu akzeptieren, und kämpfte mit allen Mitteln dagegen an.
Mein Arbeitspensum erneut zu reduzieren stand also nicht zur Debatte, auch wenn ich wohl spürte, dass ich mir damit zu viel zumutete. Allein meine nach wie vor zahlreichen Termine bei der Onkologin, dem Ernährungsberater, der Osteopathin, der Psychologin und dem Chirurgen summierten sich auf fast ein halbes Arbeitspensum. Zusammen mit meinem tatsächlichen halben Pensum blieb innerhalb der Arbeitswoche also keine Zeit für Erholung. Kein Zeit, genau hinzuhören, das Tempo rauszunehmen und die Art von Selbstfürsorge zu leben, die entlastet, statt noch mehr hinzuzufügen.
Denn irgendwann sind beide Waagschalen aus Belastung und Regeneration voll - und wenn die Waage dann weiterhin zur Seite der Belastungen kippt, ist es an der Zeit, diese zu reduzieren. Dass mir das zeitnah gelungen wäre, möchte ich allerdings nicht behaupten.
Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob ich heute soweit bin. Aber ich arbeite dran.