24. Und manchmal geht’s eben auch nicht.
Im Sommer 2026, gut vier Jahre nach meiner Krebsdiagnose, lese ich einen Artikel über sogenannte Cancer-Survivors. Es heisst, Überlebende einer Krebserkrankung hätten oft mit massiven Spätfolgen ihrer Behandlung zu kämpfen, lange nachdem diese abgeschlossen ist. Der Artikel will damit auf etwas aufmerksam machen, was vielen nicht aktiv bewusst ist; eine Krebsgeschichte endet nicht mit der letzten Chemotherapie. Die Haare wachsen wieder, aber der Körper erinnert sich an das Gefühl der Nacktheit und Schutzlosigkeit. Er ist müde, auch wenn er nicht länger so aussieht. Ich bin froh über diesen Versuch, Sichtbarkeit zu schaffen - weil auch ich davon ausging, dass mein Leben nach wenigen Wochen wieder sein würde wie vor der Diagnose. Und das, obschon ich noch jahrelang in Therapie sein würde, nur halt unsichtbar.
Ich wusste seit dem Tag meiner Diagnose, dass die Chemo nur eine von vielen - und zudem die zeitlich kürzeste - Behandlungen sein würde. Dennoch konzentrierte sich fast die gesamte Planung und Kommunikation seitens meiner Ärztinnen auf diese Phase. Sie nahm so viel Raum ein, dass ich automatisch davon ausging, danach würde alles einfach, schmerzfrei, kaum der Rede wert.
Entsprechend unvorbereitet trafen mich die Herausforderungen, die das erste Halbjahr 2023 für mich bereithielt.
Bereits im November 2022 hatte ich mit der Antihormontherapie begonnen, dem letzten und mit geplanten fünf Jahren längsten Teil meiner Behandlung. Mit gewissen Nebenwirkungen war zu rechnen (selbst für mich), schliesslich versetzte mich die Therapie in eine künstliche und sofortige Menopause. Doch wie schlimm konnte diese schon sein? Die Menopause gehört zum Leben der Frau und Beschwerden sind so normalisiert, dass ich mit nichts weiterem als leichten Hitzewallungen rechnete - und auch diese waren in meiner bisherigen Wahrnehmung öfter Grund für Scherze als zur Sorge.
Wenn mich also jeder ganz normale Arbeitstag so auslaugte, dass ich selbst zum Schlafen zu müde war, suchte ich den Fehler bei mir. Ich hatte ständig Kopf- und Gelenkschmerzen und Tanzschritte konnte ich mir schon lange keine mehr merken. Gleichzeitig blieb ich absolut davon überzeugt, dass mit der überstandenen Chemo das schlimmste vorbei sein müsste und ich kein Recht auf Trübsal hätte. Ich wusste weder um die diversen Nebenwirkungen der Menopause noch um Spätfolgen der Chemo - und weiss auch bis heute nicht, was nun genau wovon kam. Alles was ich kannte, war meine Enttäuschung von mir selbst und meinem schwachen Körper, der nach einem langen Arbeitstag keine Stunde Sport durchhielt, ohne vollständig zu erschöpfen. Ich hatte keine Freude mehr am Tanzen, weil ich meine übliche Leistung nicht abrufen konnte, wollte gleichzeitig aber auch nicht aufhören - schliesslich brauchte ich doch das Training, um möglichst schnell wieder auf Touren zu kommen.
Und dann kam plötzlich dieser völlig neue Gedanke, dass es vielleicht nie wieder sein würde wie vorher. Was, wenn ich für immer mit Nachwirkungen zu kämpfen hätte? In dem Moment hätte ich gerne mehr gewusst über Langzeittherapien oder die Erfahrungen und Leiden der Cancer-Survivors. Ob ein Bericht, wie der kürzlich erschienene, geholfen hätte, wage ich zu bezweifeln.
Letztlich schliesst auch dieser Artikel mit einer jungen Überlebenden, die ein knappes Jahr nach Therapieende zwar noch Beschwerden hat, aber positiv in die Zukunft blickt, arbeitet, ihre Hobbys pflegt und keinerlei Angst vor einem Rückfall hat. Vielleicht aus dem Wunsch eines versöhnlichen Endes, zementiert selbst dieser Bericht über langfristige Betroffenheit das Bild der möglichst sofortigen und vollständigen Genesung. Was sich für Nichtbetroffene nach einem motivierenden und positiven Ausblick anhört, klingt für Cancer-Survivors nach einem nur zu bekannten Mantra:
Es geht eben doch.
Ich glaube, dass wir damit aufhören sollten, diese Heldinnengeschichte zu erzählen.
Ansonsten dürfen wir uns nicht wundern, wenn niemand um die langfristigen Folgen einer Krebsbehandlung weiss oder die eigene Erschöpfung als persönliches Scheitern wertet.
Ich wünsche mir erschöpfte Vorbilder und Geschichten, die aushalten, dass nicht alles gut wird. Jede Geschichte ist anders und meine ist noch nicht vorbei. Verzeiht mir also, wenn ich diesen Eintrag nicht mit meiner sofortigen, freudigen und vorbildlichen Rückkehr zur Normalität beende.